Fenster öffnen reicht nicht
Warum öffnen wir nicht einfach die Fenster?
Ende November 2020 erschien im renommierten britischen Fachjournal BMJ (British Medical Journal) ein viel beachteter Artikel mit dem Titel „Why don’t we just open the windows?“ („Warum öffnen wir nicht einfach die Fenster?“). Die Autorinnen und Autoren um Stephanie J. Dancer von der Edinburgh Napier University und NHS Lanarkshire beleuchteten darin die zentrale Bedeutung der Raumluftqualität für die Vermeidung von Infektionen. Viele der damals dargestellten Erkenntnisse haben auch heute nichts von ihrer Relevanz verloren und gelten nicht nur für COVID-19, sondern für eine Vielzahl luftgetragener Infektionserkrankungen.
Der Originalartikel in englischer Sprache mit allen Verweisen auf die zugrunde liegenden Studien kann mit diesem Link auf das British Medical Journal heruntergeladen werden.
Übertragung über die Raumluft
Heute besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass viele Atemwegsinfektionen zumindest teilweise über die Luft übertragen werden. Infizierte Personen geben beim Atmen, Sprechen, Husten oder Niesen feine Partikel und Aerosole ab, die virale oder bakterielle Erreger enthalten können. Diese Partikel können sich über längere Zeit in Innenräumen halten und von anderen Personen eingeatmet werden.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt, dass die Qualität der Innenraumluft einen wesentlichen Einfluss auf das Infektionsrisiko hat. Deshalb sollten Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ein fester Bestandteil von Gesundheits-, Bildungs- und Arbeitsumgebungen sein.
Lange unterschätzt
Die Bedeutung der Raumluft wurde lange Zeit unterschätzt. Ein Grund dafür ist, dass Infektionsgeschehen oft komplex sind und sich nicht immer eindeutig einer einzelnen Ursache zuordnen lassen. Zudem erscheint das Risiko durch kontaminierte Oberflächen für viele Menschen greifbarer als die Vorstellung, Krankheitserreger über die Luft einzuatmen.
Daher konzentrierten sich viele Hygienekonzepte traditionell auf Oberflächenreinigung und Händehygiene. Diese Maßnahmen bleiben zwar wichtig, insbesondere zur Vermeidung bestimmter Infektionskrankheiten, spielen jedoch bei vielen luftgetragenen Atemwegsinfektionen eine wesentlich geringere Rolle als die Qualität der eingeatmeten Luft.
Heute wird zunehmend anerkannt, dass die Raumluft ein entscheidender Faktor bei der Verbreitung von Atemwegsinfektionen ist und entsprechend berücksichtigt werden muss.
Herausforderung Luftqualität
Ein wesentlicher Grund dafür, dass das Thema Luftqualität in Gebäuden lange wenig Beachtung fand, liegt in den damit verbundenen Kosten. Gebäude werden häufig primär nach Kriterien wie Energieeffizienz, Wärmekomfort und Wirtschaftlichkeit geplant und betrieben. Die Bereitstellung ausreichend großer Mengen sauberer Außenluft sowie deren Erwärmung, Kühlung oder Entfeuchtung kann energieintensiv sein.
Darüber hinaus ist die Modernisierung bestehender Lüftungssysteme häufig mit erheblichem technischem und finanziellem Aufwand verbunden. Gleichzeitig werden Lüftungsanlagen meist durch Gebäudebetreiber oder Eigentümer verwaltet, während die gesundheitlichen Vorteile vor allem den Nutzerinnen und Nutzern zugutekommen.
Grenzen der natürlichen Lüftung
Das regelmäßige Öffnen von Fenstern ist eine einfache und wirksame Möglichkeit, verbrauchte Raumluft durch Frischluft zu ersetzen. Allerdings stößt diese Form der natürlichen Lüftung in der Praxis an Grenzen. Im Winter können Temperaturverluste und Komforteinbußen entstehen, und nicht überall lassen sich Fenster oder Türen aus Sicherheits- oder Lärmschutzgründen öffnen. Außerdem sind Luftaustausch und Luftströmung über Fensterlüftung nur begrenzt steuerbar.
Bestehende Standards weiterentwickeln
Viele bestehende Lüftungsstandards wurden ursprünglich entwickelt, um Komfort, Gerüche oder Kohlendioxidkonzentrationen zu regulieren. Der Schutz vor luftgetragenen Infektionen spielte dabei häufig nur eine untergeordnete Rolle.
Die Erkenntnisse der letzten Jahre zeigen jedoch, dass Innenräume so gestaltet und betrieben werden sollten, dass auch das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern wirksam reduziert wird. Dies betrifft nicht nur Viren wie Influenza-, RSV-, Corona- oder Masernviren, sondern grundsätzlich alle relevanten luftgetragenen Erreger.
Das Öffnen von Fenstern kann dabei ein wichtiger erster Schritt sein, reicht allein jedoch oftmals nicht aus, um das Infektionsrisiko in Innenräumen dauerhaft zu minimieren.
Lüftung und Luftreinigung gehören zusammen
Moderne Konzepte für gesunde Innenraumluft kombinieren wirksame Lüftung mit geeigneten Luftreinigungstechnologien. Beide Maßnahmen ergänzen sich: Während Lüftung verbrauchte Luft durch Frischluft ersetzt und Schadstoffe verdünnt, können hochwertige Luftreinigungssysteme Partikel, Feinstaub, Allergene sowie luftgetragene Mikroorganismen kontinuierlich aus der Raumluft entfernen.
Insbesondere in Gebäuden, in denen eine ausreichende Frischluftzufuhr nicht jederzeit gewährleistet werden kann, können professionelle und zertifizierte Luftreinigungssysteme einen wertvollen Beitrag leisten. Ziel ist eine dauerhaft hohe Innenraumluftqualität, die nicht nur das Risiko von Infektionen senkt, sondern auch Wohlbefinden, Konzentrationsfähigkeit und allgemeine Gesundheit fördert.

Fenster öffnen allein reicht nicht…